Von der Königin von Neapel bis heute: eine kurze Geschichte der Armbanduhr
Die Armbanduhr begann als Schmuckstück für Frauen, wurde zum Werkzeug für Soldaten und Piloten und überstand die Quarzrevolution, bis sie zum heutigen Luxusobjekt wurde.

Heute wirkt die Armbanduhr wie der natürlichste Gegenstand der Welt, doch den größten Teil ihrer Geschichte galt sie als Kuriosität, noch dazu als weibliche. Männer trugen ihre Uhren in der Tasche, an einer Kette. Wie die Uhr ans Handgelenk wanderte, ist eine Geschichte, die von einem königlichen Auftrag im Jahr 1810 über die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs bis zu einem technologischen Schock im Jahr 1969 reicht, der beinahe das Ende der traditionellen Schweizer Uhrmacherei bedeutet hätte.
Ein Schmuckstück für eine Königin
Als erste Armbanduhr gilt weithin ein Stück, das Breguet für Caroline Murat, Königin von Neapel und Schwester Napoleons, anfertigte. In Auftrag gegeben wurde es 1810. Die Uhr war dafür gemacht, am Handgelenk getragen zu werden, und sie gehörte eindeutig in die Welt des Schmucks, nicht in die der Instrumente.
Der Auftrag ging an eine der berühmtesten Werkstätten ihrer Zeit: das Pariser Haus, das Abraham-Louis Breguet gegründet hatte, jener Uhrmacher, der 1801 das Tourbillon patentiert hatte. Breguets Uhren waren bei den führenden Persönlichkeiten der Epoche begehrt, und so fügte sich ein Auftrag der Schwester des Kaisers ganz selbstverständlich in die Kundschaft des Hauses. Er zeigt auch, wie eng feine Uhrmacherei und Hofleben miteinander verbunden waren.
Darin liegt der Schlüssel zur frühen Geschichte. Eine Uhr am Handgelenk war ein Schmuckstück, eine Erweiterung des Armschmucks. Sie war sinnvoll für Frauen, deren Kleider weder die Taschen noch die Westen boten, in denen Männer ihre Zeitmesser trugen, und man schätzte sie ebenso für ihre Schönheit wie für die Zeitanzeige.
Königliche Kundschaft und Schweizer Pioniere
Im Lauf des 19. Jahrhunderts fanden die großen Uhrenhäuser ihre Kunden an den Höfen und im Adel Europas. Patek Philippe zeigte seine Uhren 1851 auf der Weltausstellung in London, der Great Exhibition, und Königin Victoria besaß Uhren von Patek Philippe. Königliche Gunst dieser Art verlieh einem jungen Haus Ansehen weit über das eigene Land hinaus.
Patek Philippe fertigte 1868 außerdem eine frühe Schweizer Armbanduhr für die ungarische Gräfin Koscowicz. Wie Breguets Stück für die Königin von Neapel war sie ein Damenschmuck, und sie bestätigt das Muster der Zeit: Die Armbanduhr war etwas, das Frauen trugen.
Den größten Teil des 19. Jahrhunderts über trugen Männer Taschenuhren. Die Uhr eines Herrn steckte in seiner Weste, an einer Kette befestigt, und wurde mit einer gewissen Feierlichkeit hervorgezogen. Ein Mann mit einer Uhr am Handgelenk hätte ungewöhnlich gewirkt, denn Armbanduhren galten als Damenschmuck.
Den größten Teil ihrer Geschichte galt die Armbanduhr als Kuriosität, noch dazu als weibliche.
Soldaten, Piloten und praktisch denkende Männer
Was die Haltung änderte, war die Praxis. Eine ist unhandlich, wenn beide Hände beschäftigt sind, und Soldaten gehörten zu den Ersten, die das bemerkten. Der militärische Gebrauch im späten 19. Jahrhundert und vor allem im Ersten Weltkrieg machte Armbanduhren für Männer praktikabel. Offiziere, die Truppenbewegungen koordinierten, mussten die Zeit auf einen Blick ablesen können, ohne in einer Tasche zu kramen.
Die Luftfahrt wies in dieselbe Richtung. 1904 entwarf Cartier die Santos für den brasilianischen Flugpionier Alberto Santos-Dumont. Der üblichen Darstellung nach wollte er die Zeit im Flug ablesen, ohne die Steuerung loszulassen, und das konnte eine Taschenuhr nicht leisten. Die Santos gilt oft als eine der ersten Armbanduhren, die für einen Mann entworfen wurden.
Viele frühe Herrenarmbanduhren waren improvisiert. Kleine Taschenuhrwerke wurden in Gehäuse mit Drahtanstößen gesetzt, durch die sich ein Lederband führen ließ, und diese sogenannten Trench Watches, die Grabenuhren, wirken heute recht behelfsmäßig. Sie zeigen einen Gegenstand, der fast über Nacht für einen neuen Zweck neu erfunden wurde.
Als die Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg zurückkehrten, hatte die Armbanduhr einen neuen Ruf erworben. Sie war nicht länger nur ein Damenschmuck, sondern ein vernünftiger, moderner Gegenstand für alle, die ein aktives Leben führten. In den folgenden Jahrzehnten wich die Taschenuhr nach und nach, und die Armbanduhr wurde zur üblichen Art, die Zeit bei sich zu tragen.
Die Quarzrevolution
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bedeutete eine Armbanduhr eine , angetrieben von einer Feder und reguliert von einer Unruh. Das änderte sich 1969, als Seiko die Astron vorstellte, die erste auf dem Markt. Eine Quarzuhr misst die Zeit mit einem winzigen schwingenden Kristall, den eine Batterie antreibt, und ist weit genauer als ein mechanisches Werk.
Als Quarzuhren billiger und verbreiteter wurden, geriet die traditionelle Schweizer Uhrenindustrie in den 1970er- und 1980er-Jahren in eine Krise, die als bekannt wurde. Mechanische Uhren wirkten plötzlich altmodisch, teuer und weniger präzise. Viele Werkstätten schlossen, und Fertigkeiten, die über Generationen weitergegeben worden waren, standen auf dem Spiel.
Vom Instrument zum Luxusobjekt
Die Erholung kam aus einer unerwarteten Richtung. Sobald eine Quarzuhr die Zeit besser anzeigen konnte als jedes mechanische Stück, musste die mechanische Uhr nicht mehr über die Genauigkeit konkurrieren. Stattdessen konnte man sie für ihre Handwerkskunst schätzen, für ihre Geschichte und für die Freude, etwas von Hand Gefertigtes zu besitzen.
Die spätere Wiederbelebung mechanischer Uhren machte sie zu Luxusobjekten, und so sehen die meisten Sammler sie heute. In gewissem Sinne hat sich für die Armbanduhr ein Kreis geschlossen. Sie begann als Schmuckstück für eine Königin, wurde zum Werkzeug für Soldaten und Piloten und ist wieder zu etwas geworden, das man vor allem wegen seiner Schönheit und Bedeutung trägt. Kaum jemand braucht eine mechanische Uhr, um die Zeit zu kennen, und genau deshalb ist die Wahl einer solchen Uhr zu einer persönlichen Aussage geworden.
Glossar
- Taschenuhr
- Eine Uhr, die in der Tasche getragen wird, meist an einer Kette, den größten Teil des 19. Jahrhunderts der übliche Zeitmesser für Männer.
- Quarzuhr
- Eine batteriebetriebene Uhr, deren Gang ein schwingender Quarzkristall regelt, 1969 auf den Markt gebracht.
- Mechanische Uhr
- Eine Uhr, die von einer aufgezogenen Feder angetrieben und von einer Unruh reguliert wird, ohne Batterie.
- Quarzkrise
- Der Umbruch der traditionellen Schweizer Uhrmacherei in den 1970er- und 1980er-Jahren, ausgelöst durch billige Quarzuhren.
Fragen unserer Leser
Wer hat die erste Armbanduhr gefertigt?
Als erste Armbanduhr gilt weithin ein Stück, das Breguet für Caroline Murat fertigte, Königin von Neapel und Schwester Napoleons. In Auftrag gegeben wurde es 1810. Patek Philippe fertigte 1868 eine frühe Schweizer Armbanduhr für die ungarische Gräfin Koscowicz. Beides waren Damenuhren, als Schmuck getragen, zu einer Zeit, in der Männer noch Taschenuhren trugen.
Wann begannen Männer, Armbanduhren zu tragen?
Der militärische Gebrauch im späten 19. Jahrhundert und besonders im Ersten Weltkrieg machte Armbanduhren für Männer praktikabel, denn sie konnten die Zeit ablesen, ohne in eine Tasche zu greifen. Auch die Luftfahrt trug dazu bei: Cartier entwarf 1904 die Santos für Alberto Santos-Dumont. Nach dem Krieg verdrängte die Armbanduhr die Taschenuhr stetig als übliche Wahl für Männer.
Was war die Quarzkrise?
1969 stellte Seiko die Astron vor, die erste Quarzuhr auf dem Markt. Quarzuhren waren genauer als mechanische Uhren und wurden mit der Zeit billiger, was in den 1970er- und 1980er-Jahren zu einer Krise der traditionellen Schweizer Uhrmacherei führte. Mechanische Uhren erholten sich später, weil man sie als Luxusobjekte schätzte und nicht mehr als Präzisionsinstrumente.


